Das karge Leben der Gänsehüter

17.03.2017

Mainpost 17.03.2017

GEROLZHOFEN / Zeilitzheim

Das karge Leben der Gänsehüter

Mit Dokumenten aus der ganzen Welt setzt Kreisarchivpfleger Hilmar Spiegel – natürlich neben Material aus der unmittelbaren Heimat – Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen der Ortsgeschichte von Zeilitzheim zusammen. Dieser Prozess zeigt auch, dass heute viele Zeilitzheimer in aller Herren Länder verstreut sind.
War es jüngst ein jüdisches Gebetbuch, das über Chicago und Jerusalem nach Zeilitzheim zurückkehrte, sind es diesmal Bilder aus Australien. Auch sie dokumentieren etwas, was es heute nicht mehr gibt – den Gänssee, der einst in der Verlängerung der Straße „An den Gärten“ am westlichen Ende des Dorfes lag.

Die ganze Familie war einbezogen

Wie fast jedes Dorf hatte auch Zeilitzheim zu Beginn der 30 Jahre einen Gänsehüter. Der letzte dieser Zunft war Wilhelm Seidel. Da er auch noch als Tagelöhner bei Bauern arbeitete, schickte er im Sommer seine Kinder Leo und Hanna mit dem Federvieh zum Gänssee.
Jeden Morgen gingen der Gänsehüter oder seine Kinder durch das Dorf, um die die schutzbefohlenen Nutztiere abzuholen. Die Bauern öffneten nur die Hoftore und die Gänse watschelten dem Hüter hinterher. „Das muss ein Bild wie beim Rattenfänger von Hameln gewesen sein“, meint Hilmar Spiegel.

Auf der Hut vor dem Fuchs

Draußen am See, der durch den Weinbach gespeist wurde, musste der Gänsehüter aufpassen, dass kein Fuchs der Gänseschar zu nahe kam. Abends ging es dann wieder heimwärts. Die klugen Tiere wackelten automatisch in die Höfe ihrer Besitzer.
Aus Australien, genauer aus Sydney, kam nun ein Bild nach Zeilitzheim zurück, das Hanna und Leo Spiegel beim Gänsehüten zeigt. Die Kinder sitzen auf einem Mäuerchen am Gänssee. Beide sind barfuß, was damals im Sommer ganz normal war. Im Hintergrund sind einige Gänse zu sehen. Auch Einzelaufnahmen ihres Vaters Wilhelm und der Mutter Anna lagen im Brief. Die Fotos stammen aus den Jahren 1930 und 1931.
Absenderin ist Hanna oder Hannchen Seidel, wie sie auch genannt wurde. Sie wanderte 1947 mit 21 Jahren nach Australien aus, um dort zu heiraten. Am 2. Dezember 2008 starb sie in Sydney.

Ohne die Hilfe der im Mai 2016 gestorbenen Regina Paul wäre Hilmar Spiegel allerdings niemals an die Bilder gekommen. Sie gehörte zu den alten Leuten im Dorf, die Hilmar Spiegel nach dem Leben in früherer Zeit befragte. Dabei erzählte Regina Paul auch vom Gänssee und ihrer Freundin Hannchen Seidel. Die schickte auf Bitten von Regina Paul dann die Bilder nach Zeilitzheim.

„Schreckliches Deutsch“
Aus dem Begleitbrief wird deutlich, dass Hannchen schon lange nicht mehr in Deutschland war. Sie entschuldigt sich deshalb für ihr „schreckliches Deutsch“. Und sie schreibt, dass sie die gewünschten Bilder beim Suchen gleich in der ersten Schublade entdeckt hat.
Hannchen und ihr Bruder Leo mussten schon im Alter von vier oder fünf Jahren zum Gänsehüten. Gänsehüter in den Dörfern waren damals wenig betucht und standen sozial schon etwas im Abseits. Ein Privileg aber hatten sie. Wilhelm und seine Kinder durften die Flaumfedern aufsammeln, die die Tiere während des Tags verloren.

Das Privileg des Federkissens

Das war ein mühseliges Geschäft, doch mit der Zeit reichte die Ausbeute, um wenigstens mal ein Kopfkissen mit Gänsefedern zu füllen. Das war ein Vorzug gegenüber vielen andern, die sich meist noch Stroh in die Zudecken und Kopfkissen stopften.
Wilhelm Seidels Frau Anna trug übrigens bis in die 60er Jahre hinein als Zeitungszustellerin in Zeilitzheim zum Familieneinkommen bei. Dabei hatte sie ein feines Näschen für Höfe, in denen geschlachtet wurde. Immer wenn es Kesselsuppe gab, war sie in der Nähe. Die Gaben der Bauern – manchmal schwamm sogar ein Würstchen in der Suppe – nahm sie stets mit den Worten „Bin so frei“ entgegen, hat Hilmar Spiegel recherchiert. Irgendwann wurden diese drei Worte dann auch zu ihrem Spitznamen. Anna hieß nur noch Frau „Bin so frei“.

Glücksmoment für Heimatforscher

Dass er im Besitz der Bilder aus Australien ist, empfindet Hilmar Spiegel als einen Glücksmoment für einen Heimatforscher. Zurzeit bereitet er eine Ausstellung über „Bauern, Bürger und Handwerker“ in Zeilitzheim vor, bei der auch die Gänsehüter eine Rolle spielen werden.
Den Gänssee gibt es übrigens schon lange nicht mehr. Er lag nur 50 Meter von Hilmar Spiegels Wohnhaus entfernt. Im Zuge der ersten Flurbereinigung in Zeilitzheim, die 1948 abgeschlossen war, wurde der kleine See eingeebnet.

 

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