Die Weltreise eines Buches

09.01.2017

Mainpost 09.01.2017

ZEILITZHEIM

Die Weltreise eines Buches

Ein hebräisches Gebetbuch wurde im 19. Jahrhundert in der Familie von einer Generation auf die andere weitergegeben. Später begleitete es Herbert Selig von Zeilitzheim über Chicago nach Jerusalem, ehe es wieder zurück nach Franken kam.
Hilmar Spiegel schlägt das verschlissene Buch auf. Aber nicht so, wie man ein deutsches, englisches oder französisches Buch aufschlagen würde.
Der Buchrücken liegt nicht links, sondern rechts. Was bei uns die letzte Seite wäre, ist in diesem alten hebräischen Gebetbuch die erste.
Dort stehen auch die einzigen der uns geläufigen Druckbuchstaben im ganzen, rund 60-seitigen Buch: „Wien, gedruckt bey Anton Schmid k. k. priv. und N. Oe Landschafts-Buchdrucker 1813.“ Alles andere ist Neuhebräisch.

Geschenk an einen Freund

1937 hat das Buch zusammen mit seinem jüdischen Besitzer Herbert Selig Zeilitzheim verlassen und eine Weltreise angetreten. Jetzt ist es wieder dorthin zurückgekehrt und liegt auf dem Schreibtisch von Kreisarchivpfleger Hilmar Spiegel. Herbert Selig hat das Gebetbuch dem Freund aus der ehemaligen Heimat im Jahr 1999 geschenkt.
Zwischen 1937 und 1999 liegt ein Zeitraum von gut 60 Jahren und eine lange Geschichte. Herbert Selig, 1914 geboren, erlebte in Zeilitzheim eine glückliche und erfüllte Kindheit und Jugendzeit, wie er immer wieder erzählt. Als er 19 war, kamen die Nationalsozialisten an die Macht. 1933 gab es noch 23 Juden in Zeilitzheim.
1937 war das Leben für einen Juden im NS-Staat schon unerträglich geworden. Herbert Selig gehörte zu den Glücklichen, die noch unbehelligt ausreisen konnten. Das Buch hatte der heute 102-Jährige als Erinnerung an sein „Zalzem“ mitgenommen.
Herbert Selig fand ein neues Zuhause in Chicago. Dort kam ihm sein in Würzburg erlernter Beruf des Apothekers zugute. Er betrieb eine Apotheke in der Großstadt am Michigan-See, wanderte aber 1973 von den USA nach Israel aus, nach Jerusalem. Dort betreute er bis ins hohe alter die Apotheke im Bikur-Cholim-Krankenhaus. Das Religionsbuch der israelitischen Kultusgemeinde Zeilitzheim war immer dabei.
Anders als viele direkte oder indirekte Opfer der Judenverfolgung zog es Herbert Selig immer wieder nach Deutschland zurück. Er, den Hilmar Spiegel als ein „wandelndes Geschichtsbuch über das Judentum in Franken“ bezeichnet, kam jedes Jahr mit seiner Frau Ruth zum Urlaub nach Franken. Hilmar Spiegel seinerseits wollte die Geschichte der einstigen jüdischen Kultusgemeinde in Zeilitzheim aufarbeiten und suchte dafür nach letzten Zeitzeugen. Über die israelitische Kultusgemeinde in Würzburg gelang es, Kontakt mit Herbert Selig aufzunehmen.
Das war 1989. Schnell entdeckten die beiden Männer gemeinsame Interessen, aus denen sich eine tiefe Freundschaft entwickelte. Sie hält bis heute an. Herbert Selig kam wiederholt nach Zeilitzheim und zeigte dabei, dass er das Fränkische nicht verlernt hat. Die Volkach, die Zeilitzheim durchfließt, war für ihn immer noch „unner Booch“, berichtet Hilmar Spiegel.

Zehn Jahre nach dem ersten Treffen weilte Spiegel zu Besuch in Jerusalem und bekam dabei das Religionsbuch geschenkt.
Natürlich hat Selig seinem Freund auch viel vom damaligen Leben in der jüdischen Gemeinde in Zeitzheim erzählt. Es gab ein Gemeindezentrum an der Volkach, das aus der Synagoge, einem rituellen Bad (Mikwe) und einer Lehrerwohnung bestand. Dort hat der jüdische Lehrer den Unterricht gehalten und dabei das Gebetbuch verwendet, das auch die Seligs besaßen.

Das Judentum kennt 613 Lebensregeln (Mitzwot). Diese Ge- und Verbote mussten die Kinder alle auswendig können. Sie sind Thema dieses Buchs, das aber noch viel älter ist als die Geschichte von Herbert Selig und Hilmar Spiegel.

David Selig, der 1875 gestorbene Großvater Herbert Seligs, hat das Buch an seinen Sohn Sigmund übergeben, der schließlich an Herbert. So haben drei Generationen aus dem Band gelernt.

Restaurieren und Ausstellen

Was wird nun aus dem Gebetbuch? Bürgermeister Horst Herbert hat Hilmar Spiegel zugesagt, dass das Buch auf Kosten der Gemeinde fachgerecht restauriert wird. Diese Aufgabe übernimmt Christine Kammerl aus Weißenburg. Nach der Restaurierung kommt das Buch in die Vitrine im Zeilitzheimer Rathaus, die sich mit der jüdischen Geschichte im Ort befasst.
Die wichtigsten Daten dieser Geschichte: Die erste Nennung eines jüdischen Mitbürgers ist nachzulesen im Zinsbuch der evangelischen Kirchengemeinde von 1556. Der Mann hieß Abraham. 1562 folgt einer mit dem Namen Isaak. Im 16. Jahrhundert führten Juden noch keine Nachnamen.
Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts ist eine jüdische Gemeinde nachweisbar. Sie brachte es im Laufe der Zeit zu beträchtlicher Größe. 1898 waren von 650 Dorfbewohnern 79 Juden. Im Jahr 1933 waren es bei 663 Zeilitzheimern nur noch 23. Die jüdische Gemeinde erlosch am 23. April 1942, als die letzten sieben Mitglieder in ein polnisches Konzentrationslager deportiert wurden.

 

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