Es gab auch Mittelspiesheim

22.07.2016

Mainpost 22.07.2016

Unterspiesheim

Es gab auch Mittelspiesheim

 

Nahe dem Dorf gab es eine starke Flakstellung zum Schutz von Schweinfurt. Durch die Splitter abgefeuerte Granaten wurden viele Cronist Josef Ortner kennt den Unterschied zwischen einem Gasthof und einem Gasthaus und weiß auch, warum Unter- und Oberspiesheim so heißen
Warum war die obere Wirtschaft in Unterspiesheim ein Gasthaus, die untere aber ein Gasthof? Solche Fragen interessierten den Ur-Unterspiesheimer Josef Ortner bereits in jungen Jahren. Schon in seiner Kindheit wollte er immer wissen, wie es früher war und bedrängte seine Oma, möglichst viel davon zu erzählen.
Heute ist Josef Ortner der Ortschronist von Unterspesheim. Der 77-Jährige weiß wahrscheinlich am meisten über seinen Heimatort. Gerade jetzt im Jubiläumsjahr zum 1225-jährigen Bestehen Unterspiesheims ist er ein gefragter Mann, der beratende Funktion für Ausstellungen und Dorfführungen hat.
Josef Ortner sagt aber von vorneherein, dass er nicht alles über Unterspiesheim selbst erforscht hat. Eine gute Quelle ist der Hauptlehrer Johann Clemens Wahler, der im Mai 1913 eine Orts- und Schulgeschichte vorgelegt hat. Die Kopien dazu hat er von dem gleichfalls sehr geschichtsbewanderten Rektor Fridolin Friedrich erhalten. Und ein Dritter hat viel für die Chronik getan: der frühere Pfarrer Gerhard Madea. Er hat die Sütterlin-Schrift Wahlers in Schreibmaschinenschrift übertragen. „Das war eine beachtliche Mordsarbeit“, sagt Ortner.

Bei Wahler steht auch, dass „Speozesheim“ (Speoze=Spieß) im Jahr 791 erstmals urkundlich erwähnt war. Es handelt sich wohl um eine Siedlung zwischen Unter- und Oberspiesheim. In der Urkunde geht es um eine Schenkung der Hruadunne, der Gemahlin des Hiltrich, an das Kloster Fulda.

Ortsgründer Spoeze auch in Rheinhessen

Der Speoze war ein verdienstvoller Franke zur Zeit der fränkischen Landnahme Mitte des 6. Jahrhunderts, wahrscheinlich ein Krieger und Sippenführer. Damals vertrieben die Franken die Alemannen und die Thüringer aus dem Raum zwischen Main und Steigerwald.

Orts-Chronist Josef Ortner vor einem Modell, das das Zentrum von Unterspiesheim zeigt, wie es früher war. Ortner hat das... Foto: Norbert finster
Ortner weist hier auf eine bemerkenswerte Parallele hin. Die Unterspiesheimer haben eine Partnerschaft mit einem Spiesheim in Rheinhessen. Auch dort wird ein Speoze als Ortsgründer angegeben. Ortner hält es für möglich, dass dieser Speoze ein Neffe oder Bruder des Unterspiesheimer Speoze gewesen sein könnte.

Zurück zu Lehrer Wahler: Er hat auch sämtliche Flur- und Wegenamen festgehalten und ihre Bedeutung erklärt, eine immense Arbeit. Er hat die Schule und die Kirche im Detail beschrieben, auch den Schulanbau von 1900.
Josef Ortner selbst fokussiert sich auf zentrale Veränderungen, die das Leben der rund 40 Generationen seit der ersten urkundlichen Erwähnung bestimmten. Da ist zum Beispiel das königliche Edikt von 1818, durch das die Gemeinden in Bayern erstmals weitgehende Selbstständigkeit erhielten. 1978 hörte diese Selbstständigkeit für Unterspiesheim wieder auf, der Ort wurde Teil der Großgemeinde Kolitzheim.
Nach den Aufzeichnungen eines Paters in Kloster Münsterschwarzach muss es neben Ober- und Unterspiesheim auch einmal ein Mittelspiesheim gegeben haben. Warum der mittlere Teil verschwunden ist und die beiden Spiesheims heute getrennte Orte sind, ist nicht mehr genau nachzuweisen. Eine Sage spricht von einem Brand, der den mittleren Teil auslöschte, eine andere Erklärung könnte eine grundherrschaftliche Trennung sein.

Auch das ist ein wichtiges Thema für Ortner. Wem waren die Spiesheimer zehntpflichtig, wie waren die Besitzverhältnisse?
Klar ist aber, warum Unterspiesheim eben Unterspiesheim heißt. Es liegt mit 220 Metern Seehöhe einen Meter tiefer als Oberspiesheim. Trotz dieses geringen Höhenunterschieds sagen die Menschen in Unterspiesheim, sie gehen hinauf nach Oberspiesheim und umgekehrt.

Geschichtlicher Fakt ist auch, dass sich die Ober- und Unterspiesheimer immer gut verstanden. Es wurde oft hinauf- und hinuntergeheiratet. Dagegen gibt es Orte in der Umgebung, mit denen bis heute wenig Kontakt besteht. Grund dafür war die herrschaftliche Unterschiedlichkeit.
Aus der jüngeren Geschichte hat Ortner handschriftliche Aufzeichnungen erstellt etwa über die Zeit des Zweiten Weltkriegs. In Unterspiesheim brannte am Ende die Scheune von Andreas Scherpf gleich gegenüber seinem Haus in der Gernacher Straße ab, und das Haus von Franz Dusel erhielt einen Flaktreffer.
Dachziegeln im Dorf beschädigt. Und als er selbst 1945 zur Schule kam, musste sich Josef Ortner ein Lesebuch mit fünf anderen Klassenkameraden teilen.

Der Chronist hat auch viele Geschichten aufgeschrieben, die die Alten im Wirtshaus erzählten. Wo andere forderten, die Erzähler sollten aufhören mit ihrem alten Käse, hat Ortner genau hingehört. In alter Zeit mussten alle Leute nach dem Abendgeläut die Flure verlassen. Darüber wachten die Flurer. Ein Bericht widmet sich auch den vielen Brunnen, Tümpeln und Teichen in der Gemarkung, die es fast alle nicht mehr gibt, weil sie Brutstätten für Schnaken und Bremsen waren.

Lange Herbst und Winterabende genutzt

Seine Chronistenarbeit verrichtet Josef Ortner meist an langen Herbst- und Winterabenden. Wichtig ist für ihn auch der Austausch mit anderen Experten der Ortsgeschichte, etwa mit dem Zeilitzheimer Hilmar Spiegel.
Und was ist nun der Unterschied zwischen einem Gasthof und einem Gasthaus? Josef Ortner weiß es inzwischen. In den Zeiten vor dem Automobil hatte der Gasthof einen Stall, in dem Fremde ihre Reit- oder Zugtiere unterbringen konnten. Den hatte ein Gasthaus nicht.

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