Fünfköpfige ukrainische Familie abgeschoben

27.09.2016

Mainpost 27.09.2016

KOLITZHEIM

Fünfköpfige ukrainische Familie abgeschoben

Montag, 19. September, früh um 4 Uhr in der Schweinfurter Straße: Polizeibeamte klingeln an einem Anwesen in der Nachbarschaft der örtlichen Bäckerei. Gleich drauf verlassen fünf Menschen in Begleitung der Beamten das Haus und werden zu einem Polizeibus mit vergitterten Fenstern gebracht. Dann fährt der Bus weg.
Angerückt waren nach Auskunft der Pressestelle am Polizeipräsidium Unterfranken zwei Streifen der Polizeiinspektion Gerolzhofen und der Bus mit vierköpfiger Besatzung vom Einsatzzug Schweinfurt. Bei diesem Einsatz ging es nicht um eine Polizeirazzia mit kriminellem Hintergrund, sondern um eine Abschiebung.
Die Ausländerbehörde hatte entschieden, dass die fünfköpfige ukrainische Familie aus besagtem Haus nicht in Deutschland bleiben kann. Da sie nicht freiwillig das Land verließ, musste die Polizei der Ausländerbehörde Amtshilfe leisten.

Warum mitten in der Nacht?

Abschiebung – gut, das kommt vor. Warum aber mit einem solchen Polizeiaufgebot und zu dieser Tageszeit? Auch das erklärt die Pressestelle. Von den zwei Streifen rückte eine gleich wieder ab, als zu erkennen war, dass die Familie kooperiert. Vier Beamte als Busbesatzung sind vorgeschrieben, denn der Bus brachte die Familie nach Görlitz zum Grenzübergang nach Polen. Von dort sind die Ukrainer in die Bundesrepublik eingereist und dorthin müssen sie nach dem Dublin-II-Abkommen auch wieder zurück, wenn sie hier nicht als Flüchtlinge anerkannt werden.

In Görlitz übernehmen die Polen abgeschobene Flüchtlinge spätestens bis 14 Uhr. Damit erklärt die Polizei den frühen Zeitpunkt des Einsatzes. Da der Weg nach Görlitz weit ist und Kinder mit an Bord waren, mussten Pausen eingeplant werden, so dass die Fahrt laut Polizei so früh beginnen musste. Tatsächlich kam die Familie um 13.30 Uhr in Görlitz an, berichtet das Polizeipräsidium.
Victor Metzner aus Volkach, der in der Familie Deutschunterricht gab, beklagt, die Polizisten seien in Kolitzheim schwer bewaffnet aufgetreten. Das bestreitet die Pressestelle. Die Beamten hätten ganz normale Dienstausrüstung getragen, mit Pistole und Dienstgürtel.

Abschiedsmail

Victor Metzner hatte von der Abschiebung noch am Morgen des 19. September erfahren. Die ukrainische Frau hatte ihm eine Mail geschrieben: „Wir fahren jetzt nach Polen. Ich danke Ihnen für alles, entschuldigen Sie bitte, wenn etwas ich nicht richtig gemacht habe.“
Am nächsten Tag rief Victor Metzner die Familie an. Da war sie schon in Warschau. Sie musste nur eine Nacht in einer Baracke wohnen, dann kam sie in ein Hotel. Eine polnische Hilfsorganisation will ihnen weiterhelfen, um in die Ukraine zu kommen. Wo sie dort unterkommen soll, weiß noch niemand.
Die Familie mit dem 40-jährigen Mann, der 34-jährigen Frau, einer Lehrerin, und den drei 14-, acht und sechsjährigen Kindern lebte seit Dezember 2015 in Kolitzheim. Die Tochter sollte eine Optikerlehre beginnen. Es war aber nicht mehr gelungen, den Ausbildungsvertrag unter Dach und Fach zu bringen, der vielleicht ein Hinderungsgrund für die Abschiebung gewesen wäre.

Bevor sie nach Kolitzheim kam, wohnte die Familie in der westukrainischen Stadt Stadt Iwano-Frankiwsk, die bis 1918 zum österreichischen Galizien gehörte und damals Stanislau hieß.
Der Herkunftsort ist wohl auch der Grund für die Abschiebung, denn in der westlichen Ukraine ist es im Gegensatz zum Donbass im Osten friedlich.

Der Kolitzheimer Bürgermeister Horst Herbert wusste von der Aktion nichts. Es sei nicht üblich, dass die Gemeinde bei solchen Einsätzen informiert wird, sagt er, ebenso wenig das Landratsamt.
Es gebe aber Hinweise, dass die Familie auf ihre Abschiebung vorbereitet war. Dafür spricht auch die picobello aufgeräumte Wohnung, von der Victor Metzner berichtete.

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