Vom Keller bis unters Dach

13.09.2016

Mainpost 13.09.2016

GEROLZHOFEN/HERLHEIM/OBERSCHWARZACH/ZEILITZHEIM

Vom Keller bis unters Dach

Mein tiefer Respekt. Das schrieb ein Besucher des Echterhofs in Gerolzhofen beim jährlichen Tag des offenen Denkmals ins aufgelegte Gästebuch. Die Anerkennung dürfte sowohl dem von Besitzer Michael Mößlein an den Tag gelegten Faible fürs Alte bei der aufwändigen Renovierung des ehemaligen Gutshofs als auch der perfekten Organisation der Führungen gegolten haben.

So wie in der Weiße-Turm-Straße 16 in Gerolzhofen hatten Liebhaber alter Bauwerke am Sonntag an vier anderen Orten im Gerolzhöfer Land die seltene Gelegenheit, einen Blick in Baudenkmäler oder Privatgebäude zu werfen, die für sie sonst nur eingeschränkt zugänglich sind oder ihnen ganz verschlossen bleiben. Dazu zählten als weiterer Anlaufpunkt in der Stadt das Betty-Stumpf-Haus, sowie die Schlösser in Oberschwarzach und Zeilitzeim und der sogannnte Riehlshof in Herlheim.

Paradebeispiel für private Sanierung

Die seit März 2015 laufende, bis auf die Wohnungen im Erdgeschoss abgeschlossene Renovierung des Elternhauses von Michael Mößlein ist ein Paradebeispiel für die Sanierung historischer Bausubstanz durch Privatbesitzer. Sie macht aber deutlich, wieviel zeitliches und trotz der Zuschüsse auch und gerade finanzielles Engagement gefragt ist.
Mit einem immer wieder zu hörenden Vorurteil konnte Michael Mößlein zumindest für seinen Teil aufräumen. Er empfand die Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Unteren Denkmalschutzbehörde am Landratsamt als Hilfe und Unterstützung, nicht als Gängelung, wie er betonte.
Dass hier Hand in Hand gearbeitet wurde und es gelungen ist, die moderne Nutzung mit den Zeugnissen der 400-jährigen Geschichte des Gebäudes zu kombinieren, konnte man in vielfältiger Weise bei Führungen der aus Platzgründen jeweils auf rund 15 Personen beschränkten Gruppen feststellen. Freigelegte „Sicht- und Schaufenster“ an Wänden, Decken und Balken sowie alte Fenster vermitteln einen Eindruck davon, wie es hier einmal ausgesehen hat.
Die Führung hatten sich Michael Mößlein und seine Lebensgefährtin Sonja Schneider aufgeteilt. Sie übernahm die Einführung unter dem allein für 200 000 Euro sanierten Dachstuhl, während er einen Stock tiefer durch die Privatwohnung führte.

Bewirtung im neuen Hof

Am Ende hatten Michael Mößlein und Sonja Schneider rund 200 Personen durchs Haus geschleust, die sich rechtzeitig die Eintrittskarten gesichert hatten. Für die Bewirtung im neuen schmucken Hof sorgte der Historische Verein aus Gerolzhofen.
Der frühere Guts- und Stiftshof in der Weiße-Turm-Straße 16 in Gerolzhofen befand sich seit Mitte des 15. Jahrhunderts im Besitz der Familie Echter von Mespelbrunn, daher der Name Echerhof. Im Bauernkrieg von 1525 wurde er zerstört und um 1609 als der einzig nachweisbaren Jahreszahl aus dieser Zeit unter Verwendung älterer Gebäudeteile im Auftrag von Würzburgs Fürstbischof Julius Echter neu erbaut.
Nach Echters Tod fiel das Objekt an das Hochstift Würzburg und wurde als Centgerichtshof genutzt. Danach hat der Hof viele Eigentümer und Bewohner kommen und gehen sehen, zuletzt Bierbrauer und Gastwirte, bevor die Familie Mößlein in den späten 1950er-Jahren das Anwesen erwarb. Michael Mößlein ist darin aufgewachsen.
Durch das Betty-Stumpf-Haus in Gerolzhofen führte Museumsleiter Klaus Vogt die Gäste. Das nach seiner letzten Bewohnerin benannte alte Bürgerhaus am Marktplatz befindet sich heute im Besitz der Stadt. Das Gebäude wurde im Kern um 1490/1491 errichtet. Aus dieser Zeit stammen noch große Teile des Gewölbekellers.

Ein Schwarzbau anno 1616

1616 wurde das Haus in der heutigen Form neu erbaut, übrigens als „Schwarzbau“, wie die Archivunterlagen belegen. Die Schwarzbauproblematik gab es also schon vor 400 Jahren, so Klaus Vogt.
Dem bescheidenen Lebensstil der Bewohner „ohne Hang zu Luxus“ sei es zu verdanken, dass in der langen Zeit nur relativ wenig in dem Haus verändert wurde und so noch viel vom Originalzustand erhalten ist.
Das reicht im Innern von der Farbgebung aus der Echterzeit, über alte Stuckdecken, Holzdielenböden sowie den originalen Türstöcken und Türblättern mit den alten Schlössern und Schlüsseln bis hin zu den ältesten Fenstern in der Stadt.

Neue Nutzung im alten Schloss

In Zeilitzheim erfuhren die zahlreichen Besucher, darunter Landrat Florian Töpper, von Schlossherr Alexander von Halem und seiner Mutter Marina eine Menge über das Barockschloss mitten im Dorf.
In seiner jetzigen Form wurde es zwischen 1659 und 1683 erbaut. Später ging es in den Besitz der Familie Schönborn über. Nach weiteren Besitzerwechseln erwarb 1979 die Familie von Halem den heruntergekommenen Gebäudekomplex.
Mit sehr viel Aufwand wurde und wird das Schloss immer noch nach und nach restauriert, auch mit Hilfe eines Förderkreises. Heute dient es als Hotel, Räumlichkeiten werden für Familienfeiern vermietet und es gibt kulturelle Veranstaltungen.
Wer Lust hatte konnte sich am Nachmittag obendrein noch von Cyra Schamberger, ihres Zeichens „Gästeführerin Gartenerlebnis Bayern“, durch den Schlossgarten in Zeilitzheim führen lassen.
Rund 400 Besucher nutzen in diesem Jahr am Tag des offenen Denkmals die Gelegenheit, sich das Schloss in Oberschwarzach genauer anzusehen. Am Ende des Tages hatten Monika Lindner, Christa Kraus, Kunigunde Reinstein, Lucia Sturm und der „Oberschwarzacher Schlossherr“ Guido Plener 20 Führungen absolviert.
Das Schloss-Anwesen war 1575 von Julius Echter erworben und umgebaut worden. Weitere Bauphasen folgten 1604, 1720 sowie im 19. und 20. Jahrhundert. Im alten Kerker konnten die Besucher die zahlreichen Ritz- und Rötelzeichnungen der Gefangenen sehen, die im Jahre 2000 per Zufall bei Reinigungsarbeiten entdeckt worden waren.

Die Sitzfleischmusikanten

Zwischen den Führungen hatten die Gäste Gelegenheit, die kulinarischen Köstlichkeiten, die von den Mitgliedern des Fördervereins im Schlosshof angeboten wurden, zu genießen. Im Nebenraum zum Kerker gab es eine kleine Diashow mit Bildern der Fotogruppe „Blende 20“ der Naturfreunde Schweinfurt, die kürzlich im Schloss auf Motivsuche waren. Am Nachmittag spielten die drei Sitzfleischmusikaten Susi, Georg und Alex mit Klarinette, Tuba und Steirischer Harmonika im Innenhof auf.
Über starken Besuch konnten sich Vorsitzender Matthias Braun und die anderen Vorstandsmitglieder von der Interessengemeinschaft Bauwerkerhalt auch bei ihren Führungen im alten Riehlshof in der Herlindenstraße in Herlheim freuen. Dazu wurde den Gästen neben der Bewirtung „Querbeet“-Musik von Alleinunterhalter Johannes Wohlfahrt geboten.
Das Anwesen wurde 1424 erstmals urkundlich erwähnt, wobei das Wohnstallhaus des einstigen Wehrbauernhofes aus dem Jahre 1608 stammt. Es war Sitz des örtlichen Schultheißen, wie die noch erhaltene Schreibstube im Obergeschoss beweist.

Langfristiger Sanierungsprozess

Gegenwärtig präsentiert sich das Gebäude als Baustelle, auf der noch reichlich Arbeit auf die fleißigen Helfer der Interessengemeinschaft wartet. Ziel für dieses laufende Jahr sei es, so Braun, das Dach neu einzudecken, damit das Notdach, das die Mauern und Lehmböden vor Regen schützt, abgebaut werden kann.
Ansonsten sieht der Vorsitzende die Aufgabe, die historische Bausubstanz weitgehend zu erhalten, als langfristigen Prozess an. Das Besondere an dem Hof ist Matthias Braun zufolge, dass man daran vor Ort erkennen könne, wie die Menschen hier im 16. und 17. Jahrhundert gelebt, gewohnt und gearbeitet haben.
Das Haus ist ein Förderprojekt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Tag des offenen Denkmals

Den bundesweiten Tag des offenen Denkmals koordiniert die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit Sitz in Bonn.
Das diesjährige Motto „Gemeinsam Denkmale erhalten“ sollte aufzeigen, was auf diesem Gebiet möglich ist, wenn an einem Strang gezogen wird.
Zugleich sollte so anderen Mut gemacht werden, sich für die Erhaltung unseres baukulturellen Erbes zu engagieren und so historische Bausubstanz vor dem Verfall zu retten. Novo

 

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