Zuversicht und Verunsicherung

06.02.2017

Mainpost 06.02.2017

HERLHEIM

Zuversicht und Verunsicherung

Vor Jahresfrist war die Stimmung bei den Zuckerrüben-Anbauern bei der Winterversammlung in der brechend vollen Herlindenhalle in Herlheim im Keller. Mit hängenden Köpfen und eingesunkenen Schultern vernahmen sie die Zahl 56. So wenig Tonnen brachten die Rüben pro Hektar Anbaufläche im Jahr 2015. Ein Absturz von einst 81 Tonnen pro Hektar.

Mit dem Vertreter von Südzucker lieferten sich die Landwirte damals ein heftiges Wortgefecht, bezichtigten Südzucker gar der „Bereicherung“. Damals hatte Klaus Ziegler, Geschäftsführer des Verbands fränkischer Zuckerrüben-Anbauer, die Stimmung mit nur einer Aussage ins Positive gekehrt. Einbrüche beim Ertrag habe es in der Vergangenheit immer gegeben, „aber niemals zwei Jahre nacheinander, das Jahr 2016 wird besser werden“, hatte er prognostiziert. Er hatte Recht behalten.
Nach der Kampagne 2016 lag der Ertrag bei 72 Tonnen pro Hektar. Die Winterversammlung 2017 in Herlheim verlief auch deshalb um ein Vielfaches entspannter als die vor einem Jahr, weil sich die Teilnehmerzahl wieder auf ihren Normalwert eingependelt hat (gut 90 Zuckerrüben-Anbauer gegenüber 150 vor einem Jahr).

Das Ende der Mindestpreise

Jahrelang haben sich Südzucker und die Verbände der Zuckerrüben-Anbauer auf das Ende der EU-Zuckermarktordnung zum 1. Oktober dieses Jahres vorbereitet. Und doch ist die Verunsicherung der Landwirte weiter groß, ob die Zuckerrübe ihren Stellenwert als wirtschaftlich bedeutendste Ackerfrucht in Unterfranken behaupten wird. Diese Verunsicherung wurde auch bei den jüngsten Winterversammlungen deutlich, zu denen der Verband fränkischer Zuckerrübenbauer (VFZ) eingeladen hatte.
Feste Produktionsquoten und garantierte Mindestpreise wird es künftig nicht mehr geben, aber auch keine Exportbeschränkungen. Um eine engere Tuchfühlung zum Weltmarkt aufzunehmen, hat sich die Südzucker AG vor Jahren schon im Vorgriff auf die Marktöffnung mit einem Anteil von knapp 25 Prozent am britischen Agrarhandelskonzern „ED & F Man“ beteiligt, dem weltweit zweitgrößten Zuckerhändler. Inzwischen wurde der Anteil gar auf 35 Prozent erhöht.

Auch die Investition in Güterzüge und die Beteiligung an einem Frachtschiff, in dem loser Exportzucker erst während der Überfahrt verkaufsfertig abgesackt wird, zielt darauf, den internationalen Markt schneller und flexibler bedienen zu können als bisher, sagt Alfons Münch, Direktor des Geschäftsbereichs Zuckerrüben bei Südzucker.

Abhängig vom Verkaufserlös

Zwei Jahre lang hatten die süddeutschen Anbauerverbände mit der Südzucker AG über ein neues Bezahlmodell verhandelt. Vor einem Jahr war es vorgestellt worden. Die Rübenerlöse richten sich demnach künftig nicht mehr nach vorherbestimmbaren Parametern, sondern nach den tatsächlichen Verkaufserlösen von Südzucker, und zwar in einem direkt proportionalen Verhältnis.
Bei einem durchschnittlichen Verkaufserlös von 450 Euro je Tonne Zucker erhalten die Bauern einen Basiserlös für ihre Rüben von 32 Euro. Sollte der Zuckererlös auf 300 Euro fallen, gibt es für die Rüben nur noch 23 Euro pro Tonne, ein Preis weit unterhalb der Entstehungskosten. Andererseits profitieren die Landwirte aber auch im gleichen Maß von höheren Erlösen.
Mit diesem solidarischen und transparenten Vergütungsmodell sei die Südzucker AG ihren Erzeugern weiter entgegengekommen als alle anderen deutschen Zuckerproduzenten, sagt Alfons Münch. Was insofern nicht verwundert, als der Konzern quasi den Bauern gehört. Mit einem Anteil von 56 Prozent liegt die Aktienmehrheit bei der Süddeutschen Zuckerrüben-Verwertungsgenossenschaft (SZVG), deren Mitglieder wiederum die Rübenanbauer sind.

Das internationale Umfeld spricht gegenwärtig für eine weiche Landung der fränkischen Zuckerwirtschaft auf dem Weltmarkt. Der weltweite Zuckerverbrauch steigt derzeit an. Zudem liegt der Zucker-Verbrauch 2016 erstmals seit fünf Jahren wieder über der Zucker-Erzeugung. Die Folge: Die weltweiten Vorräte nehmen ab, die Zucker-Preise steigen.

2015 Verlust, 2016 Gewinn

Das schlägt sich auch in den Büchern der Südzucker AG nieder. Während der Konzern im Segment Zucker 2015 einen Verlust von 39 Millionen verbuchen musste, stieg der operative Gewinn im abgelaufenen Jahr auf 77 Millionen Euro an, so Direktor Münch.
Die Südzucker AG will ihre führende Position auf dem europäischen Markt nach der Liberalisierung behaupten und weiter ausbauen. Voraussetzung dafür sei die Kostenführerschaft entlang der gesamten Produktionskette, so Münch. Und das wiederum setzt voraus, dass die Fabrikstandorte optimal ausgelastet werden.

13 Prozent mehr Anbaufläche

120 Verarbeitungstage sollen zukünftig die Regel sein. Zuletzt dauerte die Kampagne in der Ochsenfurter Zuckerfabrik 107 Tage, 2015 waren es gerade einmal 89.
Um die Versorgung mit dem Rohstoff Zuckerrübe sicherzustellen, enthält das neue Vergütungsmodell neben festen Lieferkontrakten finanzielle Anreize für eine Ausweitung der Anbaufläche und Boni für langjährige Liefertreue. Mit einer vertraglich fixierten Anbaufläche von 25 613 Hektar für 2017 haben die fränkischen Rübenerzeuger die Zielvorgaben erreicht.

Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um 13 Prozent. Nach den durchschnittlichen Ertragserwartungen entspricht das einer Kampagnedauer von 125 Tagen. Die Rübenverarbeitung würde also weit bis in den Januar hineinreichen.
Schattenseite des neuen Modells ist die verspätete Schlussabrechnung. Erst mit Ende des Zuckerwirtschaftsjahrs, also kurz vor der nächsten Ernte im Herbst 2018, wissen die Bauern auf den Cent genau, was ihre im Frühjahr 2017 gesäten Rüben wirklich wert waren. Und das alles vor dem Hintergrund möglicher Preisschwankungen, wie man sie auf dem europäischen Markt bislang nicht kannte.
Manchen Rübenbauern kommen dabei Zweifel, ob die Zuckerrübe tatsächlich ihren wirtschaftlichen Stellenwert behält. Ein Landwirt, der seine Skepsis in einer der Winterversammlungen zum Ausdruck brachte, erntete von vielen Berufskollegen beifälliges Raunen.
Andere Landwirte wiederum sind sich einig mit VFZ-Geschäftsführer Klaus Ziegler, der davon ausgeht, dass die Zuckerrübe ihren Erlösvorteil gegenüber anderen Ackerfrüchten behaupten kann. Die Schicksalsgemeinschaft, in der Landwirte und Südzucker in gegenseitiger Abhängigkeit verbunden seien, garantiere auch in Zukunft einen fairen Interessenausgleich, betont der VFZ-Vorsitzende Jochen Fenner.
Für Jochen Fenner übrigens, Vorsitzender des Verbandes der fränkischen Zuckerrüben-Anbauer, war es seine letzte Winterversammlung als Vorsitzender. Im Sommer wird er seinen Platz für einen noch zu wählenden Nachfolger räumen.

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