Ein Paradies für den Nashornkäfer an der Biogasanlage

10.06.2009

 

Mainpost 10.6.2009
 
OBERSPIESHEIM
Ein Paradies für den Nashornkäfer an der Biogasanlage
Hackschnitzel-Hersteller, Biogasanlage und Naturschutz arbeiten Hand in Hand
Was haben ein Hackschnitzel- und Pellets-Hersteller, ein Geschäftsführer einer Biogasanlage und eine hauptamtliche Fachkraft für Naturschutz am Landratsamt miteinander zu tun? In einem Punkt sehr viel: Andreas Scheller, Tino Scheithauer und Jürgen Kiefer haben gemeinsam eine Lösung gefunden, um Hunderten von seltenen Nashornkäfern das Leben zu retten.
Ohne die Beharrlichkeit von Andreas Schellers Freundin freilich wäre die Rettungsaktion womöglich erst gar nicht angelaufen. Andreas Scheller hat seit mehreren Jahren eine Restmenge von gehäckseltem Nadelholz, das vom Borkenkäfer befallen war, auf dem Hof liegen. Die rund 40 Kubikmeter Waldhackschnitzel sollten jetzt vom Hof. Beim Aufladen stellte Scheller fest, dass eine größere Zahl von Engerlingen in dem Material herumkrauchte. Er selbst dachte sich dabei nichts weiter, räumt er ein. Doch seine Freundin vermutete, dass das Hirschkäfer-Engerlinge sein könnten und wollte unbedingt Klarheit. Sie gab nicht eher Ruhe, bis Scheller Jürgen Kiefer von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Schweinfurt auf den Hof rief.
Seit 1980 unter Schutz
Für den war der Fall schnell klar. Die fetten Engerlinge waren das Vorstadium des Nashornkäfers, der in Deutschland seit 1980 unter besonderem Schutz steht. Darauf wies Kiefer Scheller hin. Der sicherte nach einigem Hin und Her zu, die Hackschnitzel kostenlos zur Verfügung zu stellen. Sie hätten beim Verkauf einen Wert von mehreren hundert Euro gehabt und wären wohl ohne das Entgegenkommen Schellers samt Bewohnern in einem Heizkraftwerk gelandet.
Doch wohin mit den Hackschnitzeln? Andreas Scheller kam die Biogasanlage im Süden von Oberspiesheim in den Sinn, die zur Eingrünung mit einem breiten Gürtel mit Jungpflanzen umgeben ist. Hier wäre eine Gelegenheit, die Hackschnitzel als Mulch auszubreiten. Tino Scheithauer, einer der beiden Geschäftsführer der Betreibergesellschaft, der Bioenergie Verwaltungs-GmbH MR-ÜZ, war sofort dabei. Er schickte Mitarbeiter Ulrich Hegler auf Schellers Hof, um das Material abzuholen und fachgerecht an der Biogasanlage zu verteilen.
Damit hatten die Beteiligten mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Viele Engerlinge werden sich zu prächtigen Nashornkäfern entwickeln und die Begrünung der Anlage hat einen guten Dünger.
Zwei bis drei Generationen
„Das war ein feiner Zug von Herrn Scheller. Jetzt können sich die nächsten Nashornkäfer-Generationen ungestört entwickeln“, lobt Jürgen Kiefer. Der Experte geht davon aus, dass sich in Schellers Holzschnitzeln zwei bis drei Engerling-Generationen befinden. Die Geschichte aus Oberspiesheim ist für Kiefer auch ein gutes Beispiel, sich ruhig an die Untere Naturschutzbehörde zu wenden, wenn es Fragen zu unbekannten Tieren und Pflanzen gibt.
Der Nashornkäfer gehört zur Familie der Blatthornkäfer und war ursprünglich ein Waldbewohner. Er wird zwei bis vier Zentimeter lang und ist von rotbrauner bis dunkelbrauner Farbe. Namengebendes Kennzeichen beim Männchen ist ein Höcker am Kopf, der an das Nashorn erinnert. Das Weibchen hat auf dem Halsschild nur eine flache Mulde.
Weniger Brutstätten
Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten der Wald immer weiter ausgeräumt wurde und es damit kaum noch Mulm (vermoderndes Holz) abgestorbener Bäume gab, hat sich der Käfer Sägemehl-Torfmull-, Häckselstreu- und neuerdings auch Komposthaufen als alternative Refugien ausgesucht. Seit aber im Holz verarbeitenden Gewerbe Chemie eingesetzt wird, sind auch die meisten dieser Wohnstätten untauglich für den Käfer, der damit immer seltener wurde.
In den verrotteten Komposthaufen oder wie jetzt in Andreas Schellers Hackschnitzelhaufen legt das Weibchen seine Eier einzeln ab. Aus ihnen schlüpfen die Larven, die sich wie die späteren Engerlinge vom Substrat, das sie umgibt, ernähren. Als Ulrich Hegler mit einer Heugabel einige Engerlinge freilegt, versuchen die sich sofort wieder in tiefere Schichten des Mulchs zurückzuwühlen. Sie brauchen erstens die Wärme, zweitens die Feuchtigkeit des verrottenden Materials.
Lange Entwicklungszeit
Je nach Temperaturverhältnissen verläuft der Entwicklungszyklus bis zum „fertigen“ Käfer drei bis fünf Jahre. Im Juni und Juli schlüpfen dann die Käfer, die im Erwachsenenstadium selten anzutreffen sind, weil sie nur in der Dämmerung aktiv werden. Lediglich vier bis fünf Wochen dauert nach der langen Entwicklungsphase das Käfer-Leben.
Das ausgewachsene Tier nimmt in dieser kurzen Zeit – außer ab und zu ein bisschen Baumsaft – keine Nahrung mehr auf und gilt deshalb nicht als Schädling. Für Andreas Scheller und Tino Scheithauer ein Grund mehr, der unter Naturschutz stehenden Käferart einen hochwertigen und langfristigen Platz zum Überleben bereitzustellen.
 
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