Oldtimer gelandet: „Tante Annas“ letzter Flug

21.07.2009

Mainpost  21.07.2009

 

Stammheim

Oldtimer gelandet: „Tante Annas“ letzter Flug

Überführung von Ungarn nach Stammheim

Seit Montag besitzt das Museum für Zeit- und Militärgeschichte ein Exemplar der russischen Doppeldecker-Legende Antonow An 2.

Die Landung der Amerikaner am 20. Juli 1969 auf dem Mond ist von der Bedeutung her für das Museum für Militär- und Zeitgeschichte in Stammheim durchaus mit dem vergleichbar, was sich am Montag hier, auf den Tag genau 40 Jahre später, auf den Mainwiesen ereignet hat: Die Ankunft der neuesten Errungenschaft, einer Antonow An 2. Nur mit dem Unterschied, dass hier nur unweit vom Museum nach der Überführung aus Ungarn nicht der „Adler“ landete, wie die Mondfähre der Apollo 11-Mission hieß, sondern „Tante Anna“, wie die russische Doppeldecker-Legende liebevoll genannt wird.So wie es einst im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums zwischen Sowjets und Amerikanern ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit war, als Neil Armstrong als erster Bewohner der Erde seinen Fuß auf den Mond setzte, so ist für das inzwischen größte Privatmuseum in Stammheim der Erwerb des legendären, größten einmotorigen Doppeldeckers der Welt, ein großer Schritt auf dem Weg zum weiteren Ausbau.

Museumsleiter Günter Weißenseel: „Dieses interessante Flugzeug stellt eine geniale Verbindung von Zivil- und Militärgeschichte her, und soll als weiteres technisches Kulturgut in Stammheim erhalten bleiben.“

Günter Weißenseel war schon länger in Sammlerkreisen auf der Suche nach einer Antonow. Doch alle Versuche, etwa in der Ukraine, Litauen, Polen und Tschechien fündig zu werden, waren gescheitert. Schließlich erinnerte sich Günter Weißenseel eines Freundes in Ungarn, den er über eine Hilfsaktion des Museums für ein dortiges Waisenhaus kennen gelernt hatte. Der hatte ihm darauf verschiedene Bilder und Kontakte zugemailt. Im November reiste Günter Weißenseel nach Ungarn, um sich ausgewählte Flugzeuge und Flugplätze anzuschauen, doch auch diesmal verlief die Suche ergebnislos.

Das war kurz darauf anders. Auf dem kleinen Flughafen in Nyiregyhàza standen zwei Antonow An 2, die dem Stammheimer Museumsleiter vor allem auch preislich zusagten. Er entschied sich Ende 2008 für eine von beiden, die früher im Auftrag des ungarischen Landwirtschaftsministeriums flog und sich zuletzt in Privatbesitz befand.

Noch war aber die Frage der Überführung an die Mainschleife zu klären. Drei Möglichkeiten gab es. Die eine wäre gewesen, das Flugzeug in seine Einzelteile zu zerlegen, auf Laster zu verladen und über mehrere Grenzen hinweg nach Stammheim zu transportieren. Die zweite hätte einen Flug auf den Flugplatz bei Schwebheim vorgesehen. Aber auch dort hätte der Flieger zerlegt und als Schwertransport nach Stammheim gebracht werden müssen. Die beste und billigste Lösung war der Flug direkt nach Stammheim, mit Landung auf den Mainwiesen zwischen Wipfeld und Stammheim. Und so geschah es jetzt.

Günter Weißenseel fiel ein Stein vom Herzen, als alle zuständigen Behörden mitspielten und ihre Zustimmung zu der erforderlichen Außenlandung gegeben hatten, da Stammheim bekanntlich über keinen eigenen Flugplatz verfügt.

Ursprünglich sollte „Tante Anna“ bereits am vergangenen Samstag den Flug über die Slowakei und Tschechien zu ihrem endgültigen Liegeplatz antreten. Doch durchkreuzte eine Schlechtwetterfront über den Karpaten die Überführungspläne. Am Montag klappte es nun endgültig mit der Starterlaubnis.

Im Vorfeld der Landung kam es ab 10.30 Uhr zu umfangreichen Vorbereitungen in Stammheim, während bereits ab 7 Uhr in der Feldküche des Museums der „ungarische Gulasch-Eintopf nach fränkischer Art“ aufgesetzt wurde.

Der museumseigene Brückenlegepanzer M 48 legte zunächst die Brücke über den Bach, während anschließend die Landebahn markiert wurde und der Kranwagen der Firma Markewitsch in Position ging. Für die Absicherung des Landeplatzes, als auch die zeitweise Sperrung der am Museum vorbeiführenden Kreisstraße sorgten die Feuerwehren aus Unterspiesheim und Stammheim.

Dann tauchte die Antonow urplötzlich wie aus heiterem Himmel am Firmament auf. Exakt um 14.10 Uhr setzte der Doppeldecker nach einer kleinen „Ehrenrunde“ gefühlvoll und sicher auf dem Wiesenboden auf. Fünf Stunden und 20 Minuten hatten Pilot Gözö Hans?ghy und sein Co-Pilot Roland Böszörményi bei teils kräftigem Gegenwind über Tschechien für den rund 900 Kilometer langen Flug nach Stammheim gebraucht.

Auf Wipfelder Boden angekommen, rollte die Antonow über die wie ein roter Teppich für sie ausgelegte Panzerbrücke über den Bach und von dort weiter über die Stoppel- und Getreideäcker zum Museum in Stammheim. Der Autokran hievte das Flugzeug schließlich über den Zaun aufs Museumsgelände, wo „Tante Anna“ seit Montag, 15.30 Uhr, steht.

Nun stand der Antonow-Party nichts mehr im Wege, zu der sich Helfer und Gäste anschließend in der Museumshalle trafen.

Die Antonow An 2 ist der größte jemals gebaute einmotorige Doppeldecker. 1947 flogen die ersten Prototypen in Russland. In Ostdeutschland ist der Flieger besser bekannt unter dem Spitznamen „Tante Anna“.

Ein gewaltiger Neun-Zylinder-Sternmotor mit 30 Litern Hubraum und 1000 PS bringt das Flugzeug in die Lüfte. Bei einer Spannweite von 18,20 Meter und über 70 Quadratmeter Flügelfläche hat die An 2 ein zulässiges Fluggewicht von 5,5 Tonnen.

Dank ihrer Robustheit und guten Starteigenschaften benötigt sie, wie sich auch bei ihrem letzten Flug von Ungarn nach Stammheim zeigte, nur einfache Pisten und kann sehr vielseitig eingesetzt werden: militärisch als Transportflugzeug, in der Landwirtschaft unter anderem für Spritzflüge - weshalb sie auch Traktor der Lüfte genannt wird - oder als Passagierflugzeug für bis zu zwölf Personen
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